Immer wieder Sonntags: Mit Parkinson an der Platte

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Wie ein Tischtennis-Stützpunkt in der Mariannenarena Menschen mit Parkinson Bewegung, Halt und Gemeinschaft gibt

Kurz vor zehn füllt sich die Mariannen-Arena, eine kleine historische Sporthalle in einem Hinterhof an der Mariannenstraße, mit einem Geräusch, das man hier nicht unbedingt erwarten würde: das helle, unregelmäßige Klick-Klack kleiner Bälle, die über grüne Platten springen. Ein Mann steht mit leicht gebeugten Knien am Tisch, der Schläger zittert kurz in seiner Hand, bevor der Aufschlag sitzt. Eine Frau am Nebentisch lacht, als ihr Ball im Netz landet, und ruft ihrem Gegenüber zu: „Nochmal, ich krieg das noch hin.“ Niemand hier schaut komisch, wenn eine Bewegung stockt oder ein Arm sich verzögert bewegt. Hier , an diesem Sonntag, ist das normal.

Was von außen wie eine gewöhnliche Tischtennisrunde wirkt, ist ein Stützpunkt eines bundesweiten Netzwerks mit einer Aufgabe: Menschen mit Morbus Parkinson durch Sport in Bewegung zu halten, körperlich wie sozial.

Ein Verein, ein Ball, ein Ziel

Der Verein PingPongParkinson wurde 2017 in den USA gegründet und hat sich seither weltweit verbreitet. In Deutschland zählt PingPongParkinson Deutschland e. V. mittlerweile über 1.500 Mitglieder, dazu kommen etwa doppelt so viele aktive Spielerinnen und Spieler, die an mehr als 195 Stützpunkten deutschlandweit trainieren. Möglich wird das durch Kooperationen mit lokalen Tischtennisvereinen, die Hallen, Tische und oft auch Trainerinnen und Trainer stellen.

In Berlin und Umland ist das Netz besonders dicht. Über 200 Menschen mit Parkinson trainieren an den mittlerweile knapp 20 Berliner Standorten nach Vereinsangaben regelmäßig. Den Anfang machte im Dezember 2019 die Initiative „Tischtennis gegen Parkinson“ der Stiftung Yuvedo, die 2021 sogar die zweite PingPongParkinson-Weltmeisterschaft nach Berlin holte. Seither ist das Angebot stetig gewachsen. Ansprechpartner für Berlin und Umland ist Wolfgang Hoelscher-Obermaier, der das Interesse an den Gruppen als „riesig“ beschreibt und darin ein ausgeprägtes Bedürfnis nach gemeinsamer Bewegung und Zusammenhalt sieht.

Der Kreuzberger Stützpunkt ist der sechzehnte, den der Verein in Berlin aufgebaut hat. Möglich wurde er durch Pfeffersport e. V., einen Sportverein, der sich seit Jahren für Inklusion engagiert. Pfeffersport stellt dem Stützpunkt die Hallenkapazität in der barrierefreien Mariannen-Arena zur Verfügung – ein Umstand, der für eine Teilnehmende keine Nebensache ist. Wer mit Parkinson unterwegs ist, kennt Treppen, schwere Türen und schmale Durchgänge oft als Hürden, die den Alltag anstrengender machen, als er sein müsste.

Wo genau in Kreuzberg trainiert wird

Seit Januar 2024 wird in der Mariannenarena jeden Sonntag von 10 bis 12 Uhr Tischtennis gespielt. Das Angebot richtet sich an Menschen mit Parkinson, aber ausdrücklich auch an Menschen mit anderen Beeinträchtigungen. Wer aus Kreuzberg, Tiergarten oder Neukölln kommt, hat damit eine Trainingsmöglichkeit in fußläufiger oder mit wenigen U-Bahn-Stationen erreichbarer Nähe, ohne quer durch die Stadt fahren zu müssen. Gerade für Menschen mit fortgeschrittener Symptomatik kann eine lange Anfahrt zum eigentlichen Hindernis werden, noch bevor der erste Ball gespielt ist. Deshalb setzt der Verein bundesweit auf ein dichtes Netz wohnortnaher Stützpunkte statt auf wenige große Zentren.

Organisiert wird die Kreuzberger Gruppe von Sandra, einer Unterstützerin der Landesleitung Berlin und Umland, die die Organisation gemeinsam mit einem Trainingsverantwortlichen vor Ort führt. Aus ihrer Sicht hat der Sport ihr geholfen, wieder ins Leben zurückzufinden, weil er nicht nur Bewegung, sondern auch soziale Kontakte und Freude mit sich bringt. Diese Doppelfunktion, Körper und Gemeinschaft zugleich zu stärken, ist kein Zufall, sondern erklärtes Vereinsprinzip.

Was Tischtennis im Körper von Parkinson-Betroffenen bewirkt

Morbus Parkinson zeigt sich vor allem durch drei Hauptsymptome: Muskelsteifheit, von Fachleuten Rigor genannt, unwillkürliches Zittern, den Tremor, und eine allgemeine Verlangsamung der Bewegungen, die Bradykinese heißt. Hinzu kommen bei vielen Betroffenen Gleichgewichtsprobleme. Medikamente lindern diese Symptome, ersetzen aber keine Bewegung. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass regelmäßiger Ausdauersport, besonders im frühen Krankheitsstadium, das Tempo des körperlichen Abbaus deutlich verringern kann.

Tischtennis eignet sich für dieses Ziel besonders gut, weil das Spiel fast alle motorischen Bereiche gleichzeitig anspricht, die bei Parkinson betroffen sind. Der Ball verlangt schnelle Reaktionen, ständige Blickwechsel, Fußarbeit, Rumpfrotation und feine Handbewegungen zugleich. Eine japanische Untersuchung der Universität Fukuoka, bei der zwölf Menschen mit Parkinson ein Jahr lang einmal wöchentlich Tischtennis spielten, zeigte signifikante Verbesserungen unter anderem beim Sprechen, beim Schreiben und beim selbstständigen Ankleiden – Alltagsfunktionen, die weit über die Sporthalle hinausreichen. PingPongParkinson beruft sich auf diese und ähnliche Studien, wenn der Verein davon spricht, dass regelmäßiges Training das Fortschreiten der Symptome nachweislich verlangsamen kann.

Anders als klassische Physiotherapie, die für Parkinson-Patientinnen und -Patienten zwar eine wichtige Behandlungssäule bleibt, aber oft wenig Motivation weckt, setzt das Tischtennistraining auf Spielfreude statt auf Pflichtübung. Der psychologische Unterschied ist nicht zu unterschätzen: Wer zum Sport geht, geht nicht „zur Therapie“, sondern zum Spielen. Genau dieser Rahmen erreicht auch Menschen, die sich für ein eigenständiges Übungsprogramm zuhause nur schwer aufraffen können.

Mehr als Sport, ein Netz gegen die Einsamkeit

Wer mit fortschreitendem Parkinson lebt, zieht sich häufig zurück. Aus Angst zu stürzen, aus Scham über sichtbares Zittern, aus schlichter Erschöpfung. Dieser Rückzug verstärkt die Symptome eher, als sie zu lindern, denn weniger Bewegung bedeutet meist auch weniger Stabilität und Kraft. In der Mariannenarena wird dieser Kreislauf sichtbar durchbrochen. Nach dem Training gehen etliche Teilnehmende gemeinsam in ein Café, tauschen sich aus, sprechen über Ärzte, Medikamente, gute und schlechte Tage. So entsteht neben dem sportlichen Angebot etwas, das einer Selbsthilfegruppe sehr ähnlich ist, ohne sich so anzufühlen. Die persönlichen Kontakte wachsen, man unterstützt sich gegenseitig mit Geduld und Zeit, So wird aus einzelnen Spielerinnen und Spielern eine soziale Gruppe, die sich Woche für Woche verlässlich trifft.

Das Vereinsmotto bringt diese Haltung auf den Punkt: „Runter vom Sofa, ran an die Platte.“ Es klingt nach Slogan, ist aber im Alltag gelebte Praxis, jeden Sonntagvormittag. Mittlerweile konnten die Kreuzberger das Trainingsangebot ausweiten, Zeiten an den Dienstagen und Freitagen sind hinzugekommen.

Einstieg ohne Vorkenntnisse, Anpassung an jede Symptomatik

Ein häufiges Missverständnis lautet, Tischtennis erfordere Reflexe und Fitness, die viele Betroffene längst verloren hätten. Das Gegenteil ist der Fall. Das Konzept von PingPongParkinson ist ausdrücklich darauf ausgelegt, Menschen unabhängig von Vorerfahrung, Alter oder körperlicher Verfassung willkommen zu heißen. Wer noch nie einen Schläger in der Hand hatte, lernt die Grundschläge im eigenen Tempo. Wer stark zittert, spielt zunächst mit kürzeren Ballwechseln oder im Sitzen, wenn nötig mit angepasstem Material. Trainerinnen und Trainer, häufig selbst ehrenamtlich aktiv, stimmen Übungen individuell auf Beweglichkeit und Tagesform ab. Es gibt keinen Leistungsdruck, wohl aber den Ehrgeiz, den nächsten Ballwechsel etwas länger zu halten als beim letzten Mal.

Wer unsicher ist, ob Tischtennis das Richtige ist, kann an einem Sonntag vorbeischauen und als Gast den Schläger in die Hand nehmen. Kontakt zum Kreuzberger Stützpunkt lässt sich per E-Mail über die Landeskoordination von PingPongParkinson Berlin herstellen, ebenso über die Übersicht der Berliner Stützpunkte, die der Verein online bereitstellt und regelmäßig aktualisiert.

FAQ

Wo finden Parkinson-Betroffene in Kreuzberg Tischtennis-Angebote?
In der barrierefreien Mariannenarena in Kreuzberg trifft sich seit Januar 2024 jeden Sonntag von 10 bis 12 Uhr eine Trainingsgruppe von PingPongParkinson. Die Halle wird vom Verein Pfeffersport e. V. zur Verfügung gestellt.

Wie hilft Tischtennis bei Parkinson-Symptomen?
Das Spiel trainiert gleichzeitig Reaktionsfähigkeit, Gleichgewicht, Feinmotorik und Rumpfstabilität. Studien deuten darauf hin, dass regelmäßiges Training Alltagsfunktionen wie Sprechen, Schreiben oder Ankleiden verbessern und das Fortschreiten der Symptome verlangsamen kann.

Welche Vorteile hat Sport allgemein für Parkinson-Patienten?
Bewegung wirkt der fortschreitenden Bewegungsverarmung entgegen, kann Rigor, Tremor und Bradykinese lindern und beugt dem sozialen Rückzug vor, der die Symptome häufig verstärkt.

Gibt es spezielle Sportgruppen für Menschen mit Parkinson in Berlin Kreuzberg?
Ja, der Stützpunkt Kreuzberg von PingPongParkinson ist einer von rund 17 bis 20 Standorten in Berlin und Umland und richtet sich neben Parkinson-Betroffenen auch an Menschen mit anderen Beeinträchtigungen.

Ist Tischtennis eine geeignete Therapieform bei Parkinson?
Es ersetzt keine ärztliche oder physiotherapeutische Behandlung, gilt aber als wirksame ergänzende Bewegungstherapie mit positiven Effekten auf Motorik und Lebensqualität, gestützt durch erste wissenschaftliche Untersuchungen.

Zurück an die Platte

Halb eins leert sich die Mariannen-Arena langsam. Der Mann, dessen Schläger zu Beginn noch zitterte, wischt sich den Schweiß von der Stirn und packt seine Tasche. Ein paar Meter weiter verabreden sich drei andere fürs Café um die Ecke, wie jeden Sonntag. Zwischen Ballwechseln und Kaffeetassen ist in Kreuzberg etwas entstanden, das mehr ist als ein Sportangebot: ein fester Punkt in der Woche, an dem Parkinson nicht verschwindet, aber für zwei Stunden nicht das bestimmende Thema ist.

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