Goethes Karlsbad

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Wie der Dichter den Kurort erlebte – und was von seiner Zeit bis heute geblieben ist

Drei Uhr morgens, der 3. September 1786. Während Karlsbad noch schläft, huscht ein Mann durch die dunklen Gassen zur Poststation. Er hat sich abgesetzt, ohne sich zu verabschieden, aus Angst, man werde ihn sonst nicht ziehen lassen. Wenige Tage zuvor hatte er hier noch seinen 37. Geburtstag gefeiert, umgeben von Freunden und Kurgästen. Nun flieht er nach Italien, ohne Abschied, mit schlechtem Gewissen und großer Sehnsucht im Gepäck. „Ich schlich mich aus Karlsbad fort, morgens um drei Uhr, weil man mich sonst nicht fortgelassen hätte“, schrieb Johann Wolfgang von Goethe später über diese Nacht.

Lesezeit: 4–6 Min

Diese heimliche Flucht ist einer der dramatischsten Momente in der langen Beziehung zwischen dem Dichter und der böhmischen Kurstadt. Doch sie ist nur eine Szene unter vielen. Wer Goethes Karlsbad verstehen will, muss zwischen zwei Zeitebenen wandern: der Welt der Kutschen, Kuranwendungen und höfischen Etikette, in der Goethe badete, dichtete und sich verliebte – und dem heutigen Karlovy Vary, wie die Stadt auf Tschechisch heißt, mit seinen sanierten Kolonnaden, internationalen Filmfestivalgästen und geführten Spaziergängen auf den Spuren seines berühmtesten Kurgastes.

Was hat Goethe in Karlsbad eigentlich gemacht?

Goethe kam nicht nur zum Trinken heißen Wassers nach Karlsbad. Er kam, um zu leben, im wörtlichen Sinn. „Auf der Welt gibt es nur drei Orte, an denen ich leben möchte: Weimar, Rom und Karlsbad“, soll er gesagt haben. Ein bemerkenswerter Satz für einen Mann, der die meiste Zeit seines Lebens in Weimar verbrachte und Italien nur knapp zwei Jahre lang bereiste. Karlsbad aber zog ihn immer wieder an, über fast vier Jahrzehnte hinweg.

Was trieb ihn dorthin? Zunächst die Gesundheit. Die heißen Quellen Karlsbads galten schon im 18. Jahrhundert als Heilmittel gegen allerlei Leiden, von Verdauungsproblemen bis zu rheumatischen Beschwerden. Goethe selbst brachte den kurativen Nutzen mit seinen wissenschaftlichen Interessen zusammen: „Die Natur ist selbst der größte Schöpfer. Daher dienten die heißen Quellen von Karlsbad nicht nur meiner Genesung. Sie inspirierten mich zudem, mich wieder mehr mit der Geologie zu beschäftigen“, notierte er. Karlsbad war für ihn also nicht bloß Ort der Erholung, sondern auch Freiluftlabor. Die geologischen Formationen rund um die Stadt, die Gesteinsschichten, die von den heißen Quellen durchzogenen Täler – all das beschäftigte den Naturforscher in ihm ebenso wie den Dichter.

Doch Goethe kurierte nicht nur und forschte nicht nur. Er dichtete, er flirtete, er gesellte sich in die vornehme Kurgesellschaft, die sich alljährlich in Karlsbad versammelte. Er traf Fürsten und Gelehrte und, in seinen letzten Jahren, die junge Ulrike von Levetzow, in die er sich verliebte – eine Zuneigung, die unerwidert blieb und seinen letzten Aufenthalt 1823 zu einem bitteren Abschied machte.

Wie oft war Goethe wirklich in Karlsbad?

Die Zahlen variieren je nach Quelle leicht, was angesichts der langen Zeitspanne und unterschiedlicher Zählweisen nicht überrascht. Nach Angaben des Goethe-Instituts besuchte Goethe Karlsbad insgesamt 13 Mal. Auch eine Bachelorarbeit über Goethes Aufenthalte in Westböhmen kommt auf diese Zahl: dreizehn Besuche zwischen 1785 und 1823. Andere Quellen sprechen von 16 oder 17 Reisen nach Böhmen insgesamt, wobei diese Zählungen offenbar auch Aufenthalte in anderen böhmischen Kurorten wie Marienbad, Teplitz und Franzensbad einschließen, die Goethe später bereiste.

Fest steht: Sein erster Besuch als Kurgast fand 1785 statt, sein letzter 1823, jenes Jahr, in dem Ulrike von Levetzow seinen Heiratsantrag ablehnte. Danach kehrte er nie wieder zurück. Rechnet man alle seine böhmischen Aufenthalte zusammen, kommt er auf 1114 Tage, umgerechnet etwa drei Jahre seines Lebens, verbracht in einer Region, die ihm mehr bedeutete als jede andere außerhalb Weimars und Italiens.

Eines dieser Dokumente aus seinen Reisejahren ist bis heute erhalten: Am 10. Mai 1808 ließ sich Goethe in Weimar einen Reisepass ausstellen, um nach Karlsbad aufzubrechen. Das Blatt, ein offizieller Vordruck in deutscher und französischer Sprache, trägt die Unterschrift des Weimarer Landespolizeipräsidenten. Ein unscheinbares bürokratisches Dokument, das doch zeigt, mit welcher Regelmäßigkeit und welchem Ernst der Dichter seine Badereisen organisierte.

Wo wohnte Goethe in Karlsbad – und was ist von seiner Zeit übrig?

Stellen Sie sich vor, Sie schlendern heute durch das Kurzentrum von Karlovy Vary, vorbei an der Kolonnade, den Sprudelbrunnen, den Souvenirläden mit den bunten Bechern für das Thermalwasser. Genau hier, in diesem Zentrum, bewegte sich auch Goethe. Die Stadt bietet inzwischen geführte Spaziergänge an, die Besucher auf seinen Spuren führen: zu den Häusern, in denen er wohnte, zu den Quellen, die er bevorzugt trank, zu den Plätzen, an denen er promenierte. Eine Expertin für die berühmten Kurgäste der Stadt begleitet solche Führungen und erzählt, wann Goethe wo logierte und welches Wasser ihm am besten schmeckte.

Vom eigentlichen Goethe-Denkmal jedoch ist die Geschichte komplizierter, fast tragisch. 1883 errichtete man ihm zu Ehren ein Denkmal vor dem prestigeträchtigen Grandhotel Pupp: ein weißer Marmorsockel mit einer Büste, geschaffen vom Stuttgarter Bildhauer Adolf von Donndorf, der sein eigenes Werk übrigens zeitlebens für misslungen hielt. Das Denkmal überstand die Bombenangriffe des Zweiten Weltkriegs unbeschadet. Doch nach Kriegsende, im Zuge der Vertreibung der Sudetendeutschen, fiel es den sogenannten Säuberungsaktionen zum Opfer. Man könnte sagen: Auch das steinerne Abbild Goethes wurde vertrieben, so wie Hunderttausende Menschen aus der Region.

73 Jahre lang blieb der Sockel verschwunden oder verstreut. Erst am 16. September 2018 wurde er, mit Unterstützung des Goethe-Instituts, an einem neuen Ort wieder aufgestellt: auf dem sogenannten Goethe-Weg, unweit jener Stelle, an der das ursprüngliche Denkmal einst stand. Eine kleine, aber bedeutsame Geste der Erinnerung, fast 200 Jahre nach Goethes letztem Besuch. Inzwischen arbeitet das Goethe-Institut gemeinsam mit der Stadt daran, weitere Informationen für Touristen zusammenzustellen; auch eine App soll künftig Interessierte auf den Spuren Goethes durch Karlsbad begleiten.

Wie sah Karlsbad zu Goethes Zeiten aus – und was hat sich seither verändert?

Um zu verstehen, wie fremd und zugleich vertraut Goethe die heutige Stadt vorkäme, lohnt ein Blick zurück. Das Karlsbad, das er kannte, war eine deutlich kleinere, provinziellere Kurstadt, geprägt von hölzernen und frühen steinernen Bauten entlang der Tepl, jenes Flusses, der die Stadt durchzieht. Die große Ära der prunkvollen Kurarchitektur, die das heutige Stadtbild prägt, begann erst nach Goethes Tod.

Ein Beispiel dafür ist das Kaiserbad, ein repräsentatives Gebäude im Stil der Pseudo-Renaissance, das erst 1893 bis 1895 nach einem Entwurf der berühmten Wiener Architekten Ferdinand Fellner und Hermann Helmer errichtet wurde, rund sieben Jahrzehnte nach Goethes letztem Aufenthalt. Zu seiner Zeit war dieses mondäne Kurhaus, das später zum modernsten Kurbetrieb in ganz Österreich-Ungarn zählte, schlicht undenkbar. Die weitere Geschichte dieses Gebäudes steht dabei exemplarisch für das Auf und Ab, das Karlsbad im 20. Jahrhundert durchlebte: von der habsburgischen Kurmetropole über die Zeit als tschechoslowakischer Badeort während des Kommunismus bis zur heutigen internationalen Tourismusdestination.

Was Goethe an der Stadt faszinierte, ist bis heute konstant geblieben: die heißen Quellen, das Flusstal, die umliegenden Wälder und Hügel, die zum Spazieren einladen. Doch die Infrastruktur, die Architektur, das Publikum, all das hat sich radikal gewandelt. Wo einst Fürsten und Dichter im Wortsinn zur Kur reisten, um sich von Krankheiten zu erholen, dominieren heute internationale Touristen, oft aus Russland, den Golfstaaten oder Deutschland, die ebenso das Wellness-Angebot wie die Architektur der Belle Époque schätzen. Das jährliche Internationale Filmfestival Karlovy Vary, mittlerweile in seiner 61. Ausgabe, hat der Stadt zusätzlich ein Flair verliehen, das mit Kur im klassischen Sinne wenig zu tun hat, aber ebenso zur Anziehungskraft des Ortes beiträgt.

Wie prägte Karlsbad Goethes Werk?

Karlsbad war für Goethe nie nur Ruheort. Die Kurstadt regte seinen Geist an, gerade weil sie Muße mit intellektuellem Austausch verband. Hier traf er Gelehrte, Adlige und andere Künstler, diskutierte, beobachtete die Natur, sammelte Gesteine und Eindrücke. Die geologische Beschäftigung, die er selbst auf die heißen Quellen zurückführte, spiegelt sich in seinem naturwissenschaftlichen Werk wider, das neben der Dichtung einen erheblichen Teil seines Schaffens ausmacht.

Auch menschlich war Karlsbad ein Ort der Zuspitzung. Die unerwiderte Liebe zu Ulrike von Levetzow im Jahr 1823, wenige Jahrzehnte vor seinem Tod, gehört zu den bekanntesten biografischen Episoden aus dieser Zeit. Sie markiert zugleich das Ende seiner Karlsbad-Reisen: Nach der Zurückweisung kehrte er nie wieder in die Stadt zurück, die er einst zu den drei Orten zählte, an denen er leben wollte.

Was würde Goethe heute in Karlsbad erleben?

Käme der Dichter heute zurück, träfe er auf eine Stadt, die ihn zugleich ehrt und überfordern würde. Die Kolonnaden, unter denen die Kurgäste noch immer das charakteristisch mineralische, warme Wasser aus kleinen Porzellanbechern trinken, kämen ihm vertraut vor, auch wenn die heutigen Gebäude jüngeren Datums sind als jene, die er kannte. Die Praxis der Trinkkur selbst hat sich kaum verändert, nur ihr architektonischer Rahmen.

Fremd hingegen wäre ihm das Tempo der modernen Stadt, die internationalen Touristenströme, der Kommerz rund um Souvenirs und Wellnessangebote. Vermutlich würde es ihn freuen, dass sein Name noch immer mit dem Ort verbunden ist, dass ein Weg nach ihm benannt ist und sein Denkmal, wenn auch in reduzierter Form als Sockel, wieder steht. Vielleicht würde er sich auf einen der geführten Spaziergänge begeben, die heute seine eigenen Wege nachzeichnen, und mit einer gewissen Ironie zur Kenntnis nehmen, dass er selbst zur touristischen Attraktion geworden ist – ein Kurgast, der zum Wahrzeichen wurde.

Die Flucht in jener Septembernacht 1786 bleibt dabei die vielleicht menschlichste Szene aus seinem Karlsbader Leben: der Moment, in dem der große Dichter, gefeiert und umworben, einfach fortwollte, ohne große Worte, nur mit dem leisen Wissen, dass ihn das, was vor ihm lag, mehr rief als das, was er zurückließ. Und doch kehrte er immer wieder zurück, dreizehn Mal, über beinahe vier Jahrzehnte. Karlsbad ließ ihn nie ganz los. Bis heute nicht.

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