Warum Pedelecs beim Herzinfarktrisiko und Bewegungsmangel messbare Erfolge zeigen
Wissenschaftliche Untersuchungen aus Hannover und Basel zeigen: E-Bike-Fahren verbessert die kardiorespiratorische Fitness und senkt nachweislich das Herzinfarktrisiko. Die Studien widerlegen damit die verbreitete Annahme, motorunterstütztes Radfahren sei gesundheitlich vernachlässigbar.
Lesezeit: 2–3 Min
Die Medizinische Hochschule Hannover (MHH) hat in einer knapp dreijährigen Studie Daten von 1250 Pedelec-Fahrern und 629 Nutzern herkömmlicher Fahrräder ausgewertet. Dabei wurden nicht nur Befragungen durchgeführt, sondern auch 58.833 Fahrten mit Messungen von Herzfrequenz und Geschwindigkeit erfasst. „In unserer Studie haben wir 58.833 Fahrten von E-Bikern und Radfahrern analysiert und jeweils die Herzfrequenzen und Geschwindigkeiten gemessen“, erläutert Prof. Dr. Uwe Tegtbur, Direktor der Klinik für Rehabilitations- und Sportmedizin der MHH. Die Ergebnisse wurden im Journal BMJ Open Sport & Exercise Medicine veröffentlicht.
Ein zentrales Resultat: Wer täglich mit dem E-Bike fährt, reduziert laut Tegtbur die Gefahr, einen Herzinfarkt zu erleiden, um 40 Prozent. Auch das Krebsrisiko sinkt bei regelmäßiger Nutzung deutlich. Die Studie zeigt zudem, dass Muskeln und Herz-Kreislauf-System bei E-Bike-Fahrten fast genauso trainiert werden wie beim motorlosen Radfahren.
Welche Bewegungsaspekte den Unterschied machen
Der entscheidende Bewegungsaspekt liegt nicht im Verzicht auf Anstrengung, sondern in der Motivation, überhaupt aufs Rad zu steigen. Genau hier zeigt sich der gesundheitliche Vorteil des E-Bikes gegenüber einem ungenutzten herkömmlichen Fahrrad: Die elektrische Unterstützung senkt die Hemmschwelle, Alltagswege wie den Weg zur Arbeit oder zum Einkaufen überhaupt mit dem Rad zurückzulegen.
Laut diabetesDE, der Deutschen Diabetes-Hilfe, radelte die E-Bike-Gruppe in der MHH-Studie im Schnitt 135 Minuten pro Woche unter gesundheitlich effektiver Belastung. „Das macht schon mehr als den Hauptteil der WHO-Bewegungsempfehlung von 150 Minuten moderater Aktivität wöchentlich aus“, sagt Dr. med. Jens Kröger, Vorstandsvorsitzender von diabetesDE. Mehr als 35 Prozent der Teilnehmenden mit E-Bike hatten Vorerkrankungen wie Herzinfarkt, Bluthochdruck oder Gelenkverschleiß und waren im Schnitt älter als die Fahrer herkömmlicher Räder.
135 Minuten pro Woche im wirksamen Bereich
Die Medizinische Hochschule Hannover wertete knapp drei Jahre lang 58.833 Fahrten von 1.250 Pedelec-Fahrenden aus. Im Schnitt kamen sie auf 135 Minuten pro Woche in einem Belastungsbereich, der gesundheitlich wirksam ist.
Quelle: Medizinische Hochschule Hannover, BMJ Open Sport & Exercise Medicine
Kröger widerspricht zudem der Annahme, E-Bike-Fahrende würden sich kaum anstrengen: Anders als ein Motorroller verlangt ein Pedelec kontinuierliches Treten. Untrainierten Menschen rät er dennoch, sich vor der ersten Fahrt ärztlich untersuchen zu lassen, und empfiehlt einen Fahrradhelm, da E-Bikes Geschwindigkeiten bis 25 km/h ermöglichen.
Wie stark sich E-Biken auf Fitness, Gewicht und Gelenke auswirkt
Eine Pilotstudie der Universität Basel, veröffentlicht im Clinical Journal of Sport Medicine, untersuchte 17 übergewichtige, körperlich inaktive Personen, die mindestens dreimal wöchentlich mit dem E-Bike zur Arbeit fuhren, im Vergleich zu 15 Teilnehmern mit herkömmlichem Fahrrad. Nach nur vier Wochen zeigte die E-Bike-Gruppe einen vergleichbaren kardiorespiratorischen Zuwachs wie die Gruppe ohne motorische Unterstützung. Forscher Christoph Höchsmann betont, dass selbst bei voller Motorunterstützung die Beinbewegung und das Halten des Gleichgewichts Energie verbrauchen – das Elektrofahrrad ist also kein Motorrad ohne Antrieb.
Besonders profitieren laut Studie übergewichtige und untrainierte Menschen, weil sich die Belastung individuell anpassen lässt und Überforderung vermieden wird. Für den Stoffwechsel bedeutet das: Auch mit E-Unterstützung reicht die Belastung aus, um Energie zu verbrennen und das kardiovaskuläre Risiko zu senken. Für die Gelenke gilt E-Biken laut diabetesDE als schonende Option, die dennoch Herz-Kreislauf-System und Muskulatur effektiv trainiert – ein Vorteil besonders für Menschen mit Gelenkverschleiß oder nach Verletzungen.
Was E-Bikes für Senioren und Bewegungsmuffel leisten können
Für Menschen, die aufgrund von Alter, körperlichen Einschränkungen oder fehlender Fitness keine längeren Strecken auf einem herkömmlichen Rad bewältigen können, eröffnet das E-Bike laut einem NDR-Ratgeber neue Mobilität. Rund 16 Millionen E-Bikes waren 2024 in Deutschland unterwegs – ein Hinweis darauf, wie stark sich das motorunterstützte Rad im Alltag etabliert hat.
Das Bundesministerium für Digitales und Verkehr weist über sein Mobilitätsforum darauf hin, dass sich gesundheitliche Vorteile bereits bei leichter bis moderater Belastung einstellen und E-Bikes in ihrem gesundheitlichen Effekt konventionellen Fahrrädern kaum nachstehen. Für Senioren und Menschen mit Vorerkrankungen bedeutet das: Die dosierbare Unterstützung erlaubt aktive Mobilität, ohne die Bewegung ganz aufzugeben.
Wo das Risiko liegt – und wo nicht
Ein Einwand bleibt: 2025 starben in Deutschland 462 Radfahrende, 217 davon auf einem Pedelec. Zehn Jahre zuvor waren es 36. Auffällig ist die Altersverteilung – 67,3 Prozent der getöteten Pedelec-Fahrenden waren 65 Jahre oder älter, bei konventionellen Rädern 56,3 Prozent. Auch die Verletzungsschwere unterscheidet sich: Nach einem Forschungsbericht des Gesamtverbands der Versicherer werden 26 Prozent der verunglückten Pedelec-Fahrenden schwer verletzt oder getötet, bei Fahrrädern sind es 18 Prozent. Eine Schweizer Studie an einem Traumazentrum fand fast doppelt so hohe Klinikaufnahmeraten und signifikant schwerere Verletzungsmuster – auch nach Herausrechnen des höheren Alters der Pedelec-Gruppe.
Rechnet man das Risiko jedoch auf die gefahrenen Kilometer um, relativiert sich das Bild deutlich. Für die Altersgruppe von 35 bis 74 Jahren zeigt der GDV-Bericht kein erhöhtes Unfallrisiko gegenüber dem herkömmlichen Rad. Erhöht ist es bei jungen Fahrenden zwischen 18 und 24 Jahren sowie bei Menschen ab 80. Der starke Anstieg der absoluten Unfallzahlen ist damit vor allem ein Mengeneffekt: Rund 16 Millionen Pedelecs sind unterwegs, sie werden häufiger und weiter gefahren als klassische Räder, und ihre Nutzer sind im Schnitt älter.
Ob die schwereren Unfallfolgen den gesundheitlichen Gewinn teilweise aufzehren, lässt sich derzeit nicht beziffern – eine pedelec-spezifische Gegenrechnung von gewonnener und verlorener Lebenszeit existiert nicht. Für das Radfahren insgesamt fällt diese Bilanz klar zugunsten der Bewegung aus. Für Pedelecs gilt vorerst: Der Nutzen ist gut belegt, das Risiko ist real und konzentriert sich auf die hohen Altersgruppen – was Helm, Fahrsicherheitstraining und eine bewusste Eingewöhnung an Beschleunigung und Gewicht zu mehr macht als einer Pflichtübung.
Gilt immer: Bewegung schlägt Stillstand
Die vorliegenden Studien aus Hannover und Basel liefern belastbare Daten: E-Bike-Fahren steigert die Fitness, senkt nachweislich das Herzinfarktrisiko und hilft, die WHO-Bewegungsempfehlungen zu erreichen. Zwischen einem ungenutzten Fahrrad im Keller und einem regelmäßig gefahrenen E-Bike liegt demnach ein messbarer gesundheitlicher Unterschied. Der Nutzen ist damit belegt – er ersetzt aber nicht die Sorgfalt, die ein schnelleres und schwereres Rad verlangt, gerade im höheren Alter.
Quellenangaben: MHH-Pressemitteilung · BMJ Open Sport & Exercise Medicine · Universität Basel · diabetesDE · WHO · BMV

Schreibe einen Kommentar